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1. Skyrace Lichtenstein: Um Himmels Willen!

Auch nach acht Marathons und um die 25 halben bin ich immer noch verdammt unsicher. Bei kleinen Wettbewerben und bei Rennen, bei denen ich wortwörtlich Neuland betreten werde. Meine Sorge: „Was ist, wenn ich der langsamste bin?“ Die korrekte Gegenfrage wäre natürlich „so what?!“, aber diese Bestimmtheit fehlt mir leider trotz ordentlicher Lauferfahrung. Ich erinnere mich noch an den Gebirgstäler Halbmarathon in Oberstdorf vor ein paar Jahren, der zeitgleich mit unserem Allgäu-Urlaub stattfand. Wie üblich checkte ich vor dem Start das Feld und sah nur sonnengebräunte, drahtige Typen, die aussahen wie Skilehrer, die im Sommer nichts anderes tun, als die Berge hoch- und runterzurennen. Damals dachte ich mir: „Wenigstens kannst Du ein paar Frauen hinter dir lassen“. Doch dann kam die Ansage: „Wie üblich, starten die Damen 15 Minuten vor den Herren.“ Natürlich wurde ich auch damals nicht mal annähernd Letzter. Und selbst wenn: Es wäre völlig egal gewesen. Dennoch ist die Angst davor irgendwo in mir verankert. Dafür gibt es doch bestimmt auch einen Fachbegriff: Ultimusphobie vielleicht.

Jedenfalls ging es mir auch am Samstag wieder so. Vor ein paar Wochen hatte ich mich zum 1. Lichtensteiner Skyrace angemeldet, nachdem ich festgestellt hatte, dass es sich dabei mitnichten um einen Schreibfehler des Trail Magazins handelt, sondern um einen Ort auf der schwäbischen Alb, gerade mal 45 Minuten von Stuttgart entfernt. Als krönender Abschluss des dreitägigen Trailcamps sollten 21 bis 23 km (die Angaben variierten) mit knapp über 1.00 Höhenmeter gelaufen werden. Für mich klang das nach einem idealen Härtetest für den Zugspitz Basetrail (36/1.900), weshalb ich mich auch gleich anmeldete. Ich hatte dabei fest auf meinen „Mitläufer“ Jens gezählt, der den Großteil der Wettkämpfe 2015 mit mir bestreitet, aber er musste leider passen. Also machte ich mich am Samstag bei bestem Wetter alleine auf den Weg.

Start des Skyrace
Vor dem Start. Niemand ist aufgeregt. Niemand außer mir.

Nach kurzen Irritationen, wo man die Startnummer erhält (Start unten im Ort, Ziel oben im Camp), hatte ich meine „72“, die Verzichtserklärung unterschrieben und die Notfallnummer gespeichert. Wenig später war ich auch umgezogen und bereit für meinen allerersten Trailwettkampf, für mein erstes Rennen mit Pflichtausrüstung. Laut Durchsagen waren 180 Starter gemeldet. Das beruhigte mich: Darunter würde bestimmt einer sein, der langsamer ist als ich. Ein Blick durch die Menge offenbarte mir allerdings nicht, wer das sein sollte. Die Starter waren entweder jung und drahtig oder alt und ledern. Aber es herrschte definitiv eine tolle Stimmung. Keine Hektik, niemand lief sich warm und erst wenige Minuten vor dem Start sortierten wir uns unter dem Startbogen ein. Ich war bereit. Und ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.

Es ging eine kurze Runde durch den Ort und dann ging es … hoch. Die Straße war zwar keine echte Herausforderung, dennoch gingen die ersten bereits hier. Das war für mich Neuland: Gehende Läufer nach 500 Metern. Etwas später verließen wir die Straße, liefen auf eine Wiese und dann rein in den Wald. Auf einem Singletrail ging es kontinuierlich bergauf. Der Weg war so schmal, dass Überholen kaum möglich war. Und wenn doch, waren Tempo und Distanz so gering, dass man seinem/r Vordermann/frau auf die Schulter tippen konnte, um ihm/ihr zu sagen, dass man gerne rechts überholen würde. Den ersten Kilometer bei einem Halbmarathon gehe ich ja gerne zu schnell an und laufe dann 4:20 min/km oder so. Diesmal benötigte ich für die ersten 1.000 Meter 8:11 Minuten. Und spätestens jetzt wusste ich, was einen Trailwettkampf ausmacht: Schmale Wege, keine Möglichkeit zu überholen und steile Abschnitte, die für mich beim besten Wille nur gehend zu bewältigen waren. Zusammengefasst: jede Menge Spaß.

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Bestes Wetter, beste Trails.

Nach einigen wenigen Überholaktionen hatte sich das Feld weitgehend sortiert. In einer kleinen Gruppe erarbeiteten wir uns die ersten 200 bis 300 Höhenmetern auf Singletrails und Waldwegen. Kurz nach fünf Kilometern folgte dann die erste Downhill-Passage. Ihr kennt die Blogposts, deren Autoren sich todesmutig in die Abstiege stürzen? Ich bin keiner davon. Bergab wurde ich von zwei, drei Läufern kassiert. Diese steilen Stücke, die mit faustgroßen Steinen gepflastert sind, gehören nicht zu meinen Favoriten.

Mittlerweile hatte sich das Feld so entzerrt, dass ich manchmal keinen Läufer vor oder hinter mir sehen konnte. Bei einem Straßenrennen kein Thema, aber bei einem Trailwettbewerb muss man sich schon konzentrieren, um keine Markierung zu verpassen. Denn oft waren es gerade die schmalsten und unwahrscheinlichsten Wege, die man laufen musste. Nach ungefähr neun Kilometern dann der nächste heftige Anstieg zum Schloss Lichtenstein. Und heftig bedeutet Wandertag. Statt der laufbaren Serpentinen ging es für uns auf der Direttissima hoch. Auch das völliges Neuland für mich. Denn während ich mir auf den letzte Marathon-Kilometern stets wünsche, ich könnte gehen statt laufen, so wünschte ich mir auf den steilen Rampen, ich könnte stehen statt gehen. Der aufgeweichte Boden tat sein übriges und zeigte mir und meinen Schuhen unsere Grenzen auf.

Gegenüber: Schloss Lichtenstein. Unten: Lichtenstein.
Gegenüber: Schloss Lichtenstein.

Unterhalb vom Schloss gab es bei Kilometer 13 die einzige und gut ausgestattete Verpflegung. Anschließend ging es bergab – und das im positiven Sinne. Die meisten Höhenmeter waren absolviert und die Downhill-Passage zwischen Kilometer 17 und 20 war einfach ein Traum: Ein sich windender Singletrail, nicht zu steil und vor allem ohne großen Steine. So hätte ich wirklich ewig weiterlaufen können. Vor dem Zieleinlauf ging es dann allerdings nochmals in einen knackigen Anstieg. Also Hände auf die Oberschenkel und Puls am Anschlag trotz Schrittgeschwindigkeit. Doch dann war das Sportgelände Berg mit dem Trail-Camp erreicht. Noch zwei Kurven und ab durch den La Sportiva Zielbogen. 2:21 für knapp 21 Kilometer. Irre. Auf flacher Strecke wäre ich 40 Minuten schneller gewesen.

Das Ziel des Skyrace. Konsequent: Die Finisher-Shirts gab es dort und nicht am Start.
Das Ziel des Skyrace. Konsequent: Die Finisher-Shirts gab es dort und nicht am Start.

Fazit: Mehr davon! Man kämpft nicht gegen die Uhr, sondern gegen die Strecke. Es kommt nicht auf Sekunden an und die anderen Läufer sind keine Gegner, sondern Freunde. Es geht nicht darum, die Pace zu halten, sondern darum, diesen Anstieg überhaupt hochzukommen. Das hat mir sehr gefallen. Das Erlebnis war sehr viel reduzierter, purer, essentieller als bei einem „normalen“ Halbmarathon. Und ich vermute, dass das auch die Zukunft meiner läuferischen Ambitionen ist. Das nächste Mal dann in zwei Wochen auf der Bambinistrecke des Ultratrail Lamer Winkel: 700 Höhenmeter auf 13 Kilometer entsprechen ziemlich genau dem Skyrace. Diesmal weiß ich ungefähr, was mich erwartet.

Achja, meine Sorge, letzter zu werden, hatte sich relativ schnell aufgelöst. Im Endresultat war es dann Platz 39 von ca. 150 Startern. Ich muss echt mal an meiner Einstellung arbeiten.

Weitere und bessere Bilder vom Skyrace gibt es beim Trail Magazin, einen Bericht vom Trailcamp bei Orkan.


  1. Oh man, Deine Blogbeiträge zur Basetrail-Vorbereitung sind für mich wirklich schlechtes Gewissen in getippter Form. Schon wieder so ein krasses Ding und schon wieder sehr gut absolviert.
    Das Wetter sieht super aus und die Strecke scheint auch toll gewesen zu sein. Vor allem ist die Platzierung wohl mehr als gut.

    Aber blogge schön weiter – für mein schlechtes Gewissen 🙂

    • Sebastian

      Vielen Dank. Kein Wunder: Ich habe weder Gewalttouren mit dem Rad geplant, noch habe ich Bestzeitambitionen für Halbmarathon oder Marathon. Ich habe ja nicht mal ’nen Trainingsplan. 😉 Aber es stimmt: Unterschwellig spüre ich auch eine leichte Unterforderung, aber ich habe da schon was im Auge, um das zu ändern …

  2. Ich finde deinen bericht echt sehr gelungen und noch viel besser finde ich dein Fazit und deine Erkenntnis zum Thema Trailrunning.
    Viel Spaß bei deinen künftigen Trailläufen und immer schon locker bleiben.

    Trairunning ist Rock´n Roll mit Laufschuhen, der Beat wird aber von der Strecke bestimmt.

  3. Pingback: Geile Trails, breite Ärsche & scharfe Fotos. - RUNNING ROYAL

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