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Alles Kopfsache. Und ein wenig Beinarbeit.

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Mann, habe ich mich auf das Wochenende gefreut. Grund dafür war zum einen ein Zahnarzttermin am Freitag, den ich dann bereits hinter mir haben würde (und der dann ca. fünf Minuten dauerte) und die Tatsache, dass ich genug Zeit für einen langen Lauf bei prognostiziertem Traumwetter haben würde. Doch es kam sogar noch besser: Am Donnerstag gab mir meine Frau für Sonntag offiziell „frei“. Sie würde mit den Kindern den ganzen Tag unterwegs sein. Ab da reifte in meinem Kopf der Gedanke, einen zweiten Anlauf zu starten, um den Stuttgarter Rössleweg zu bezwingen. Im letzten November hatte ich zum ersten Mal versucht, den Wanderweg rund um Stuttgart zu laufen, war aber aus verschiedenen Gründen gescheitert. Orientierungsprobleme aufgrund der nicht immer optimalen Beschilderung, Akkuprobleme beim Forerunner und beim iPhone und dazu noch zu wenig Proviant sorgten dafür, dass mein Lauf nach 46 Kilometern beendet war. Trotzdem bis heute der längste Lauf, den ich je unternommen habe.

Gestern ging ich viel besser vorbereitet an den Start: Ich hatte weitaus mehr Proviant (Gels, Riegel, Studentenfutter) im Gepäck, dazu meinen iPod Nano, um den iPhone-Akku nicht durch Spotify belasten zu müssen. Außerdem hatte ich die TomTom Multisport am Handgelenk. Bei meinem Radausflug hatte ich gemerkt, dass eine mehrstündige Aufzeichnung gar kein Problem ist, wenn man den Pulssensor deaktiviert. Und im Gegensatz zum ersten Anlauf hatte ich diesmal sogar daran gedacht, eine Speicherkarte in die Kamera zu stecken. Außerdem wollte ich in Hinblick auf den Zugspitz Basetrail testen, ob die Salomon Sense Mantra und meine Füße sich auch sechs Stunden und länger vertragen. Die größte Optimierung erfolgte jedoch nicht auf logistischer, sondern auf emotionaler Ebene: Claudi hatte sich spontan entschlossen, mit mir zu starten und mich das erste Stück zu begleiten.

Das Tolle an einem Rundwanderweg ist bekanntlich, dass man an jeder Stelle einsteigen kann. Und so starteten wir an der Geroksruhe, einen knappen Kilometer von meiner Haustür entfernt, um den Rössleweg wie beim ersten Mal gegen den Uhrzeigersinn zu laufen. Angekündigt hatte ich eine Pace von 6:30 bis 7:00 min/km, aber wie das nun mal so ist, waren wir mit gemütlichen 6:15 unterwegs und die Kilometer flogen nur so dahin. Über die Waldebene Ost runter ins Neckartal und auf der anderen Seite in die Weinberge, sammelten wir die ersten Höhenmeter. Beinahe mühelos wie es schien. Dennoch war ich unsicher, wie weit ich kommen würde. Im Hinterkopf setzt man sich ja meist Ziele. Im schlechtesten Fall wollte ich einfach einen langen Lauf machen, dann hatte ich noch die von mir noch nie geknackte 100-Wochenkilometer-Marke im Visier, zu der mir knapp 40 Kilometer fehlten. Und wenn es richtig gut laufen sollte, würde ich den Lauf dort beenden, wo ich ihn begonnen hatte. Allerdings hatte ich im November zwei Wochen vor dem ersten Rössleweg-Versuch eine neue Marathonbestzeit aufgestellt und zahlreiche lange Läufe in den Beinen. Und diesmal? Nicht mehr als einen Dreißiger und viele Läufe um 25 Kilometer herum, aber immerhin viele Höhenmeter.

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Nach 21 Kilometer machten wir eine erste Pause und stellten fest, dass etwas, das Müsliriegel-Konsistenz hat, nicht nach Cola schmecken sollte. Claudi verabschiedete sich und ich nahm den Anstieg vom Neckar Richtung Burgholzhof in Angriff. Im November war ich hier einige Passagen gegangen. Als ich diesmal alles mühelos durchlaufen konnte, ahnte ich, dass es ein erfolgreicher Tag werden könnte. Als Riesenvorteil stellte sich heraus, dass ich den Weg schon kannte und nicht wie beim ersten Mal ständig auf dem iPhone kontrollieren musste, ob ich noch richtig unterwegs bin. Natürlich ging es auch diesmal nicht ganz ohne Irritationen, aber die Irrwege hielten sich in Grenzen.

Von Burgholzhof ging es weiter, am Robert-Bosch-Krankenhaus vorbei Richtung Zuffenhausen. Hier kamen mir zwei Läufer entgegen, die mit ihren Laufrucksäcken sehr verdächtig aussahen. Verdächtig, dass gleiche vorzuhaben wie ich. Und tatsächlich begegneten wir uns gut zwei Stunden später erneut. In Zuffenhausen angekommen, passierte ich die einzige Tankstelle, die direkt an der Strecke liegt. Beim letzten Mal hatte ich sie ausgelassen, was sich als Fehler rausstellte. Diesmal füllte ich hier meine Flaschen auf. Im großen Waldgebiet zwischen Zuffenhausen und Weilimdorf ging es dann wieder konsequent bergauf. Die 30er Grenze war passiert und trotzdem konnte ich die Anstiege relativ gut „hochdieseln“. Schon erstaunlich: Nimmt man sich vor, 30 Kilometer zu laufen, werden die letzten zwei bis drei meist recht zäh. Nimmt man sich vor, eine längere Strecke zu laufen, rutscht man über die Marke einfach so drüber. Alles Kopfsache. Von Weilimdorf ging es weiter nach Botnang, wo ich nach 39 Kilometern eine Pause machte, um meine Füße in einem Bach abzukühlen. Mittelfristig ein blöde Idee, weil das Wasser saukalt war und es 20 Minuten dauerte bis ich wieder einigermaßen normal laufen konnte. Nach 41 Kilometern kam ich am Botnanger Sattel an, wo ich beim ersten Mal ausgestiegen war. Diesmal ging es weiter: Der Akku der TomTom zeigte immer noch halbvoll, das iPhone hatte auch noch Saft und Vorräte hatte ich eingepackt wie die Mutter eines Grundschülers für einen Wandertag. Wahrscheinlich hätte ich dank meiner Colariegel mehrere Tage im Wald überleben können. Nur meine Wasservorräte gingen zur Neige.

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Offiziell gehört der Birkenkopf nicht zum Rössleweg, der am Fuß des „Bergs“ vorbeiführt. Aber irgendwie gehört es dazu, hochzulaufen und den Blick über Stuttgart zu genießen, bevor es weitergeht. Also hoch und oben mein Snickers, das erstaunlicherweise immer noch nicht matschig war, mit den spärlichen Wasserresten runtergespült und wieder runter. Hier begann jetzt der Teil der Strecke, den ich nicht kannte und hier begann es jetzt auch allmählich, zäh zu werden. Die Leichtigkeit, die ich noch bei Kilometer 39 verspürt hatte, war jetzt weg. Zum Glück hatte im Gegensatz zum November das Waldheim Heslach geöffnet und ich konnte hier meine Flaschen erneut füllen. Von dort ging es erstmal bergab nach Kaltental. Einerseits war ich dankbar, andererseits wusste ich auch, dass ich die Höhenmeter noch einmal machen musste, um hoch nach Degerloch zu kommen. Zu Beginn des Anstiegs gab es aber erstmal eine Premiere zu feiern. Schließlich hatte meine Uhr noch nie eine 5 vorne angezeigt.

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Der Weg hoch nach Degerloch war dann wirklich hart für mich. War ich auf den ersten 50 Kilometern wirklich jeden Meter gelaufen, musste ich jetzt auch mal einen Anstieg gehen. Oben angekommen, kam ich auf meine normale Heimlaufstrecke und wusste, dass es gleich geschafft sein würde. Und tatsächlich kam ich laut TomTom nach 57,14 Kilometer dort an, wo wir knapp acht Stunden vorher gestartet waren. Ein irres Gefühl. Strava rundete wie üblich auf und macht 58 Kilometer draus.

Und ich frage mich immer noch: Wie geht das? Der Rössleweg war fast doppelt so lang wie mein längster Lauf bisher und 1.300 Höhenmeter sind ja auch nicht ganz ohne. Trotzdem habe ich die Distanz relativ gut bewältigen können. Und das mit einer Pace, die ich vorher auch nicht für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich ist es wirklich Kopfsache: Das geniale Wetter, eine Laufbegleitung, das Wissen, anschließend in aller Ruhe auf dem Sofa regenerieren zu können … Dazu kommt dann die Erfahrung aus dem ersten Versuch und vielleicht auch einfach eine gute Form. Jedenfalls ist es schön zu wissen, dass (meist) mehr geht, als man sich selbst zutraut.

Fazit: Die meisten Kilometer und Höhenmeter, die ich je mit einem Lauf abgerissen habe. Achja, und die 100 Wochenkilometer habe ich auch knapp geschafft: Es waren 120.

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  1. Sehr gut gemacht. So eine entspannte Rundtour bei schönem Wetter macht viel Spaß. Und ich gebe dir recht…viel geht bei solch langen Läufen vom Kopf her..immer wieder Tiefpunkte welche man sich schönreden muss…dann geht es auch schonwieder 😉 Ettapenziele setzen und abarbeiten…!
    Schöne Fotos gemacht…und dran bleiben.
    Ausdauer wird früher oder später belohnt-meistens später!

    Laufende Grüße
    Stephan

    • Sebastian

      Danke. Die Belohnung ist auf jeden Fall die Wagenladung Endorphine, die für die gesamte Woche reicht. 😉 Auf jeden Fall macht so ein Lauf Lust auf mehr und zeigt, dass ein Marathon nicht unbedingt das Ende der Fahnenstange sein muss.

  2. Krank, Alter! Glückwunsch!

    • Sebastian

      Danke! In Zeiten, in denen mir meine Frau untersagt hat, in Anwesenheit von Nicht- und Wenigläufern allzu offen über meine Laufaktivitäten zu sprechen („Warst Du joggen?“ „Ja, 58 Kilometer“), ist „krank“ ein sehr schönes Kompliment. 🙂

  3. Pingback: Gruppendynamik auf dem Rössleweg - RUNNING ROYAL

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