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Ein Laufschuh-Rant

Heute wurde der Nachfolger der Suunto Ambit 3 vorgestellt – und alle drehen durch. Wobei „vorgestellt“ maßlos übertrieben ist. Denn eigentlich wurde nur veröffentlicht, dass die „Spartan“ ein Farb-Touch-Display haben wird, einen integrierten Activity-Tracker und nur noch drei statt fünf Knöpfe haben wird. Und dass sie einen Haufen Kohle kosten wird. Genauer gesagt 649 Euro aufwärts. Klar, das wird nicht der Straßenpreis sein und wahrscheinlich wird auch dieses Modell wieder in die günstigeren Linien „Sport“ und „Run“ diversifiziert. Aber irgendwie frage ich mich langsam schon, ob die Laufsportindustrie sich Apple als Vorbild nimmt – und das nicht nur bei den Uhren.

Als ich mir vor zehn Jahren nach einer guten Beratung meine ersten Laufschuhe kaufte, waren das die Glycerin 3 von Brooks. Kostenpunkt: 125 Euro und damit einer der teureren Schuhe im Regal. Mittlerweile ist man bei Modellreihe 14 angelangt und verlangt 170 Euro für den Schuh. Hundertsiebzig! Versteht mich nicht falsch: Der Glycerin ist bestimmt immer noch ein toller Schuh, aber er ist eben auch nichts besonderes. Zu etwas ganz besonderem wollte hingegen Asics seinen MetaRun machen: Lange Entwicklungszeit, Clutch-Counter-System, Memory Foam, Karbonfasern, AdaptTruss-Technologie und vieles mehr. Aber klar: Wenn du für die Schlappen 250 Euro haben willst, musst du dir im Marketing schon etwas einfallen lassen. Dagegen ist der Lunar Epic Flyknit von Nike ja fast schon ein Schnäppchen. Er kostet „nur“ 180 Euro, wird aber immerhin von Arne Gabius getragen.

Natürlich: Alles wird immer teurer und früher war alles besser. Dennoch habe ich das Gefühl, dass einige Hersteller gemerkt haben, dass sie ihrer Kundschaft problemlos noch ein paar Euros mehr aus dem Portemonnaie ziehen können. Der Läufer hat’s ja und investiert gerne etwa mehr in die Gesundheit. Dass die Hersteller an der Preisschraube drehen, ist also verständlich. Dass wir es mitmachen, unser Problem. Aber ich frage mich immer wieder ernsthaft: Wer kauft sich so teure Schuhe, obwohl er weiß, dass sie nicht länger halten als günstigere Modelle und einen vermutlich auch nicht schneller machen? Oder werden hier die Einsteiger geschröpft? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal mehr als 100 Euro für ein Paar Laufschuhe ausgegeben habe.

Im letzten Jahr suchte ich nach einer Regenjacke für den Zugspitz Basetrail XL und studierte die Tests im Trailmagazin. Dabei musste ich feststellen, dass es erst bei knapp 200 Euro losgeht. Aber dafür gehört eine Regenjacke auch zu denen Teilen des Equipments, die man im Idealfall nur einmal kauft. Als mittlerweile domestizierter Wahlschwabe habe ich dann trotzdem eine von Craft genommen, die „nur“ 100 Euro gekostet hat und mir bisher beste Dienste geleistet hat.

Aber zurück zu den Schuhen: Zum Glück ist das Preisgefüge gerade im Trailschuhsektor nach wie vor intakt. Klar: Wer rumrennen möchte wie Kilian Jornet, der muss für Salomons S-Lab Sense 5 Ultra SG auch 150 Euro hinlegen. Aber gute und bewährte Modelle wie den Sense Pro 2 bekommt man problemlos für einen zweistelligen Eurobetrag.

Und damit komme ich abschließend zu meiner aktuellen Lieblingsmarke. Jeder, der schon mal mit Schuhen von Inov-8 gelaufen ist, wird wohl bestätigen, dass die Briten tolle Trailschuhe machen. Das ist das beste an den Schuhen. Das zweitbeste ist der Preis:

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Nachdem mich also ein 70 Euro Schuh knapp neun Stunden über Stock und Stein begleitet hat, ohne dass ich auch nur die kleinsten Probleme hatte, frage ich mich: Warum soll ich für einen anderen Schuhe das Dreifache zahlen, obwohl er eigentlich nicht mehr besser sein kann?

Was ich damit sagen will: Laufschuhe müssen nicht 200 Euro kosten. Es gibt mittlerweile eine erfreulich große Auswahl in allen Bereichen. Nichts wäre schlimmer, als wenn zu teure Laufschuhe die Menschen davon abhalten, zu laufen.

Rant Ende.

  1. Hi Sebastian,

    das kann ich voll nachvollziehen und unterstützen. Gerade bei den „Top-Produkten“ frage ich mich auch regelmäßig, wodurch sich der aufgerufene Preis rechtfertigt. Beispiel Garmin: der Preisunterschied zwischen der FR 235 und der Fenix 3 HR ist riesig – der Funktionsumfang scheinbar auch. Doch wenn man sich ansieht, was man wirklich davon braucht, muss es sicher in den wenigsten Fällen das große Modell sein.

    Bei Schuhen ist das natürlich etwas schwieriger zu beurteilen, was den Funktionsumfang bzw. technischen Vorsprung betrifft. Aber es kommt auch wieder aufs Gleiche raus: wenn ich genau weiß, was ich brauche, kann ich auch zu dem günstigeren Produkt greifen. Ich fürchte aber, dass viele Läufer das gar nicht so genau wissen, und daher „sicherheitshalber“ zu dem Produkt greifen, das im Zweifelsfall besser zu sein scheint.

    Ich habe ja schon viel Material getestet und für mich festgestellt: häufig ist Markenqualität schon seinen Preis wert. Aber die Mittelklasse ist fast immer vollkommen ausreichend.

    Gruss

    Thomas

    • Sebastian

      Ich habe generell das Gefühl, dass der Wert des Produkts und sein Preis immer stärker entkoppelt werden. Marke und Marketing spielen eine immer wichtigere Rolle. Natürlich spielen auch Komponenten wie Forschung und Entwicklung mit rein, die ich schlecht beurteilen kann. Aber dass ein Laufschuh in seiner 14. Generation mittlerweile ca. 40% kostet als in der dritten kann ich einfach schlecht nachvollziehen. Ich denke schon, dass der Zielgruppe der Läufer überdurchschnittlich viel Geld zur Verfügung steht und sie bereit ist, das auch für Equipment auszugeben. Und wenn ich als Hersteller meinen Laufschuh auch für 20 Euro mehr anbieten kann, ohne dass der Absatz zurückgeht, dann mache ich das natürlich auch.

      Die Uhren sind auch ein schönes Beispiel: Garmin hat es über Marketing geschafft, die Fenix als das Nonplusultra für ambitionierte Läufer zu etablieren. Ich bin kein Garmin-Nutzer, aber ich würde auch eine wollen und keinen Forerunner für Gelegenheitsjogger. 🙂

  2. Hab mir genau das gleiche gedacht: die Suunto-Pressemeldung geht durch alle Blogs, aber nirgendwo Detailinfos zur Funktion. Mir wär sie defintiv zu teuer, aber das Marketing wird den Markt schon schaffen – siehe Apple Watch 😉
    Ein guter Bekannter ist im Marketing eines großen Sportartikelhändlers tätig. Das gleiche Produkt wird in Amerika günstiger verkauft da in Europa immer noch der Grundsatz gilt: je teurer, desto besser muss es sein. Und die Rechnung geht auf.

    Ich beobachte das gleiche Phänomen beim Skitouren wo Anfänger mit hochgerüsteten Ultraleicht-Ski daherkommen. Anstatt sich erstmal auf die Basics (Fahrstil, Kondition, etc.) zu konzentrieren meinen die es mit besserem Material richten zu können.

    Eine Frage noch: welche Innov-8-Schuh verwendest du? Suche gerade einen günstigen neuen Trailrunner.

    Greets,
    Martin

    • Sebastian

      Hi Martin,

      Suunto macht es wie Apple mit der Watch: „Das Produkt kommt und wird cool und teuer. Details sind nebensächlich.“ Wahrscheinlich wissen sie die auch selbst noch nicht. 😉 Die Preisgestaltung bei den Schuhe ist logisch: Wenn Du übers Marketing den besten Laufschuh aller Zeiten bewirbst, dann darf der nicht 120 Euro kosten. Denn zu einem durchschnittlichen Preis bekommt man schließlich auch nur ein durchschnittliches Preis. Das denken viele anscheinend. Und dass die Verkäufer im Store lieber einen teuren als einen günstigen Schuh verkaufen, sollte auch klar sein.

      Ich habe mir letztes Jahr den Trailroc 255 von Inov8 gekauft und mich spontan in ihn verliebt. Die Ultras in diesem Jahr wollte ich allerdings mit dem Race Ultra 270 angehen, weil ganz viele Läufer auf ihn schwören. Aber mir ist er leider in der gleichen Größe wie der Trailroc etwas zu groß, so dass ich in steilen Bergaufpassagen leicht rausgeschlupft bin. Deswegen bin ich den UTLW jetzt mit dem Trailroc gelaufen: 53 Kilometer, knapp 9 Stunden unterwegs und keine einzige Druckstelle. 🙂 Bert von Trailgrip hatte die Trailrocs auch mal genauer unter die Lupe genommen.

      • Hallo Sebastian,
        ich bin jedenfalls mit meiner Ambit2, genauso wie mit meinem iPhone 5 mehr als zufrieden 🙂 muss ja nicht immer das neueste und teuerste sein.

        Danke für den Linktipp zu den Schuhen, werd gleich mal reinschauen.

        • Sebastian

          Ich habe meine neue Ambit 3 Sport vor einem Jahr für 150 Euro bei ebay gefunden. Darüber bin ich auch nicht unglücklich. 🙂

  3. Da stimme ich dir vollkommen zu, ich laufe mit einer Fenix 1 durch die Gegend. Damals schon gebraucht gekauft, war sie natürlich deutlich günstiger als die grade neue Fenix 2.
    Was soll ich sagen? Ich „brauche“ eine Kilometer-, Tempo- und Höhenmeteranzeige plus hohe Akkuleistung und genau das habe ich mit der Fenix 1. Die Akkuleistung lässt mittlerweile stark nach so dass ich nach rund 10 Stunden nachladen muss, was aber wunderbar im vollen Betrieb funktioniert.
    Smartwatchfunktionen brauche ich nicht, wenn ich Emails lesen will, dann hole ich mein Smartphone raus.

    Sollte die Fenix den Geist aufgegeben, dann wird es ebenfalls wieder ein Vormodell werden.

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