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Ultra Trail Lamer Winkel: Trailgorillas im Nebel

Als ich meine Frau Anfang des Jahres um eine Starterlaubnis für Zugspitz Basetrail XL bat, bekam ich diese. Allerdings nur mit Auflagen. Eine davon war der Verzicht auf jegliches Mitspracherecht bezüglich der Urlaubsplanung in den Pfingstferien. Ein Opfer, das ich billigend in Kauf nahm. Kurz nachdem ich darüber informiert worden war, dass wir irgendwo in Bayern nahe der deutsch-tschechischen Grenze urlauben würden, stolperte ich auf Facebook über eine Anzeige, die es in meine Timeline geschafft hatte: „Ultra Trail Lamer Winkel – Grenzerfahrung im bayerischen Wald„.

Mehr aus Spass denn aus echtem Interesse guckte ich mir die Website an. 53 Kilometer mit 2.700 Höhenmetern waren und sind für mich ein bis zwei Kategorien zu heftig, aber diese 13 Kilometerstrecke mit 700 Höhenmetern wäre eine tolle Vorbereitung für Zugspitz-Trail. Stattfinden sollte das ganze am 30. Mai. Nachdem ich festgestellt hatte, dass das auch unser Anreisetag sein würde, beschleunigte sich mein Anmeldepuls bereits. Google Maps angeworfen, Lohberg – Schönthal gecheckt: 58 Kilometer, 52 Minuten! Todesmutig meldete ich mich ohne Rücksprache an und Urlaubs- und Laufbegleitung Jens gleich mit, um eventuelle weibliche Unmutsattacken nicht alleine abwehren zu müssen.

Über die letzten Monate und Wochen erfuhr ich dann, dass der Lauf relativ schnell ausgebucht war und sich anschickte, etwas besonderes zu werden. So reisten wir am Samstag Mittag voller Vorfreude nach Lohberg, wo sich bei Nieselregen eine überschaubare Läuferschar um das Vereinsheim versammelt hatte. Nachdem wir uns den gut gefüllten (u.a. Leki-Startnummernband, Dynafit-Stinrband, Scott-Regencape) Beutel mit der Startnummer abgeholt hatten, wurde es langsam ernst.

Ultra Trail Lamer Winkel - Start Osserriese

Nachdem ich zwei Wochen zuvor mein erstes Trailrennen ordentlich zu Ende gebracht hatte, fühlte ich mich diesmal recht sicher. Schließlich lagen nicht mehr als überschaubare 13 Kilometer vor uns und viele der Läufer um uns herum schienen wie wir Trailnoobs zu sein. Gut, das Wetter war nicht optimal und der Osser trohnte im Nebel über uns. Aber die vermeintlich schnellen Leute vor uns in kurzer Hose und ärmellosen Hemdchen sahen auch eher nach Sprint als nach Trail aus. Das ganze würde also nicht so wild werden.

Startschuss. Laut. Nach den Böllerschüssen ging es los. Viel zu schnell natürlich. Jens gleich mal verloren. Egal, weiter. Nach einer Runde um den Sportplatz ging es über eine schmale Straße an einer Kuhwiese vorbei. Deren Bewohner hatten anscheinend noch nie eine losgelassene Läufermeute gesehen, denn die Kühe liefen ihrerseits wild über die Wiese. Und nachdem der Pulk, der ca. 30 Meter vor mir lief, die Wiese passiert hatte, entdeckte die erste Kuh ihre Pferdetalente und sprang über den Zaun, überquerte die Straße, auf wir eigentlich laufen wollten und galoppierte auf der anderen Seite in die Ferne. Da wir ungern über den Haufen gerannt werden wollten, wurden wir etwas langsamer, während Kuh zwei der ersten folgte. Ich hoffe nur, der hinterher eilende Bauer konnte sein Viehzeug wieder einfangen.

Für mich ging es kurz nach dieser Begegnung der tierischen Art in den Wald Richtung Osser. Nach drei Kilometern Zubringer kamen wir auf die Ultrastrecke und sahen die ersten Helden mit den grünen Startnummern, die bereits über 40 Kilometern in den Beinen hatten. Jetzt ging es aufwärts. Für mich leider nur topographisch, denn schon nach kurzer Zeit war Schluss mit Laufen. Zu steil, zu rutschig, zu … ach! Irgendwie fühlte ich mich auch wie ein Ultraläufer, zumindest was den Grad meiner Erschöpfung anging. Jens hatte mich jedenfalls bald eingeholt und verabschiedete sich nach vorne, während ich weiter mit Wurzeln, glatten Steinen und umgefallenen Bäumen kämpfte. Der Weg nach oben war eine echte Herausforderung für mich. Auch, weil ich erneut Rückenschmerzen bekam. Dieses gebückte Aufwärtsgehen für längere Zeit nimmt mir mein Rücken übel. Vielleicht ist es doch Zeit für Stöcke?

Ultra Trail Lamer Winkel

Kurz unterhalb des Gipfelkreuz passierten wir eine seilversicherte Passage und ich war gar nicht mal so unglücklich, dass ich aufgrund des Nebels nicht sehen konnte, wie weit es dort herunter ging. Überhaupt der Nebel: Dieser knorrige Wald, die unzähligen Wurzeln und dazu der Nebel, der sich über alles legte, ergaben eine einzigartige Atmosphäre, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Oben angekommen, war ich erstmal platt. Und das nach 5 Kilometern. Egal, jetzt stand der Downhill an. Da bin ich zwar keine Rakete, aber doch schneller als bergauf. Denkste. Es ging zwar bergab, aber die Felsen waren dermaßen rutschig, dass mein Tempo sich nicht großartig steigerte. Erst auf der zweiten Hälfte des Laufs ging es dann zügig über breitere Wege Richtung Lam. Auf dem Holy Trail freute ich mich, endlich mal einen Läufer mit der lila Startnummer der Kurzdistanz zu überholen. Bis ich feststellte, dass es sich um Jens handelt. Er war in der rutschigen Bergab-Passage umgeknickt und quälte sich trotzdem ins Ziel. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat mit einem Fuß, der abends aussah, als hätte man ihn aufgepumpt. Leider hat er sich wohl eine Bänderverletzung zugezogen und fällt aller Voraussicht nach für den Basetrail aus.

Ultra Trail Lamer Winkel


Im Ziel wartete auch auf uns das, was sich die Ultraläufer verdient hatten: Eine liebevolle und wie man so schön sagt, „vollumfängliche“ Verpflegung. Eigentlich gab es nichts, was es nicht gab. Auch das Wetter hatte sich inzwischen gebessert und die Sonnenstrahlen fielen auf viele müde, aber glückliche Gesichter, die die Langdistanz in ca. 7.5h Stunden absolviert hatten. Wir ließen uns mit dem ersten Shuttlebus zurück nach Lohberg bringen, um von dort Richtung Feriendomizil aufzubrechen.

Für mich waren schon die fünf Kilometer hinaus zu Großen Osser eines der intensivsten Lauferlebnisse überhaupt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie toll es sein muss, die gesamte Strecke zu laufen. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, wie ich die vierfache Distanz (Länge und Höhe!), überhaupt bewältigen könnte. Vielleicht muss ich das 2016 tatsächlich mal ausprobieren. Ich bin gespannt, welche Auflagen ich dafür erfüllen muss. Aber diese Veranstaltung ist es definitiv wert. Allein schon wegen der Finishermedaille in flüssiger Form.

  1. Ein schöner Bericht und wie immer super Fotos, das mag ich an Deinen Beiträgen. Sicher packst Du auch die lange Distanz, aber da wird die Vorbereitung sehr intensiv werden. Aber ist doch eine schöne Herausforderung für das nächste Jahr :). Hoffentlich fällt das Opfer nicht zu hoch aus ;).

    • Sebastian

      Vielen Dank. Ja, so ein kleiner fotografischer Anspruch kommt auch mit auf die Strecke. 😉

  2. Pingback: Back to the roots: UTLW 2016 – Running Royal

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